Festrede zum Festakt „40 Jahre Belgisch-Bayerische Gesellschaft“

Okt. 3, 2026 | DE

„Umgeben von so viel Schönheit …“

Sehr geehrter Herr Präsident, Prinz Albert-Henri de Merode,

sehr geehrter Herr Blaurock,

sehr geehrte Frau Prinzessin Marie-Christine de Merode,

sehr geehrter Herr Graf Rodolphe de Looz-Corswarem,

sehr geehrte Damen und Herren,

wenn die Belgier sich ein Bild von Deutschland machen, sieht diese Nation in ihren Augen fast wie ein vergrößertes Bayern aus. Sie schauen nach Deutschland wie durch ein Bayern-Prisma. Auch ich musste mich als junger Mann von einem deutschen Freund belehren lassen, dass Deutschland ein „Land der Stämme“ sei. Und da sind die Bayern auch so ein „Stamm“, und zwar ein ganz besonderer, indem er das Deutschland-Bild der Belgier, und insbesondere das der Flamen, geprägt hat.

Auch wenn dieses Prisma der regionalen Vielfalt Deutschlands kein Recht widerfahren lässt, zeigt es auf jeden Fall, dass Bayern nicht unbekannt ist in Belgien, und insbesondere Flandern. Die Belgier sehen da – ja, es wirkt klischeehaft – Dirndl und Lederhose, Bier und Wurst, und dicke Autos. Aber Bayern ist natürlich auch viel mehr als diese Klischees verraten. Es ist auch Laptop und Lederhose, es ist Tradition und Technologie-Offenheit. Das ist das Wunder von Bayern, einem Land, das das Altbewährte hegt und zu gleicher Zeit „der Zukunft zugewandt“ ist. Die Bayern, sie lieben ihr Bayern – auch sprachlich ist da die Gleichsetzung von Leuten und Land. Sie lieben ihr Land, aber auch das größere Ganze, Deutschland. Sie bekennen sich stolz zu ihrem Land und setzen sich zu gleicher Zeit für Deutschland als die übergreifende Kulturnation ein. Viele ihrer politischen Entscheidungsträger taten dies und tun es noch. Und auch Künstler, egal welcher Gesinnung.

Ist es ein Zufall, dass ein gebürtiger Münchner in mehreren Gedichtbänden Deutschland besungen hat? Und nicht zu vergessen, seine Geburtsstadt mit Zeilen wie „O Stadt der abendlichen Bittgesänge / Vom Untergang der Sonne überstrahlt – O Stadt der Bogen und der Säulengänge / All deine Bilder sind mir eingemalt“. Seine Liebe zu Deutschland als „einig Vaterland“ war so groß, dass der Text der Hymne, die er für einen bestimmten, diktatorischen Staat gedichtet hatte, ab einem gewissen Tag da nicht mehr gesungen werden durfte. Sie haben es wohl erraten: dieser als Expressionist debütierter Dichter war Johannes R. Becher (1891-1958), und auch wenn er in dieser hocherlesenen Gesellschaft vielleicht nicht so gern gesehen sein dürfte, können wir nicht leugnen, dass er Deutschland und seine Kultur und seine Landschaften, von den Alpen bis zur Ostsee, von tiefem Herzen geliebt hat. Da sollte man von seiner Gesinnung Abstraktion machen.

Liebe zu Bayern, liebe zu Deutschland: das beweist, dass nur wer sich selbst respektiert, andere, seien es Menschen oder Kulturen, lieben kann. Andere Völker kann man nur lieben, wenn man die eigene Nation liebt. Der Kosmopolit, der über andere Kulturen schwärmt, aber die eigene Heimat respektlos behandelt oder der Lächerlichkeit preisgibt, dieser Kosmopolit ist ein falscher Liebhaber. Der wahre Weltbürger ehrt die Kultur, aus der er ersprossen ist.

L’amour de la Bavière, l’amour de l’Allemagne : cela prouve que seul celui qui se respecte lui-même peut aimer les autres, qu’il s’agisse d’êtres humains ou de cultures. On ne peut aimer les autres peuples que si l’on aime sa propre nation. Le cosmopolite qui s’enthousiasme pour d’autres cultures, mais qui traite sa propre patrie sans respect ou la ridiculise, ce cosmopolite est un faux amoureux. Le véritable citoyen du monde honore la culture dont il est issu.

Auch das haben Belgier gemein mit den Bayern. Wir wissen natürlich auch, dass die Liebe zur eigenen Kultur und Nation nicht in allen Kreisen so richtig aufflammt, aber dies zur Seite. Im Allgemeinen sind Bayern, Wallonen, Brüsseler und Flamen – und ich spreche hier als Flame – sich ihrer eigenen Identität sehr bewusst, sind sie stolz auf ihre Sprache, auch in der regionalen Fassung, sind sie stolz auf ihre Kultur und ihr Land, und pflegen sie womöglich die regionalen Bräuche. Der Einwand könnte lauten: ja, wieso sollte man stolz darauf sein, dass man zufälligerweise in diesem oder jenem Land geboren und aufgewachsen ist? Das sei doch keine Leistung, oder? Diese Kritiker vergessen, dass Stolz auf die eigene Kulturnation, wie Bayern und Deutschland, wie Flandern, Wallonien, Brüssel und Belgien, dass dieser Stolz auch ein Engagement für diese das Individuum übersteigende Gemeinschaft hervorbringt. Gerade dieses Selbstbewusstsein ist es auch, was Belgier so an Bayern anzieht. Sie lernen daraus, dass Bayern so viel an Schönheit, – landschaftlich, architektonisch, kulturell, kulinarisch -, und so viel an Leistungskraft, – wirtschaftlich und technologisch – zu bieten hat und das alles auch mit Liebe und Sorgfalt pflegt. Ungemein wichtig ist da die Brücke, die die Belgisch-Bayerische Gesellschaft zwischen Belgien und Bayern baut.

Worin, d.h. in welchen konkreten Begebenheiten und Bereichen, äußern sich die Bande zwischen Bayern und Belgien? Da ist die Geschichte, da sind Kultur, Kulinarisches, Tourismus, Wirtschaft und Regionalismus. Was die neuere Geschichte angeht, lässt sich feststellen, dass es ein reges Interesse für einander gab in Deutschland und Belgien. Vor allem flämische Intellektuelle schauten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis tief in das 20. Jahrhundert hinein voller Bewunderung auf Deutschland. Und das Deutsche Reich hat diese Bewunderung sogar während des Ersten Weltkrieges beantwortet mit der sogenannten, allerdings umstrittenen „Flamenpolitik“, dem Versuch, wie der deutsche, in Belgien aktiv gewesene Journalist Winfried Dolderer schrieb, „in Flandern einer deutschfreundlichen Elite zur Macht zu verhelfen als Garant eines dauerhaften deutschen Einflusses in Belgien“. Einer der am meistinvolvierten Offiziere war der Historiker Pius Dirr aus dem bayrischen Weisingen, einer Teilgemeinde von Holzheim. Ab 1902 war Dirr Stadtarchivar von Augsburg und nach dem Ersten Weltkrieg Direktor des Münchner Stadtarchivs. Im besetzten Belgien verfasste er Berichte für Generalgouverneur Moritz von Bissing, der bei uns dafür bekannt ist, dass er 1916 die Einführung des Niederländischen als Unterrichtssprache an der Universität Gent veranlasste. Auch Konrad Beyerle hatte als Referent bei der politischen Abteilung der Besatzungsverwaltung die Aufgabe, die katholischen Kreise Flandern für die „Flamenpolitik“ zu gewinnen. 1918 wurde er zum Professor an der Universität München ernannt und 1920 als Richter beim Bayrischen Staatsgerichtshof.

Aber unsere, d.h. in Belgien bekannteste Bayerin ist wohl „La  Reine Elisabeth“, die bayrische Prinzessin Elisabeth von Wittelsbach, die mit dem belgischen König Albert I. verheiratet war. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat noch auf sie als Nichte der legendären Sissi hingewiesen anlässlich seines Besuches beim König Philippe im Mai dieses Jahres. Dabei sagte er auch, dass „Ihr soziales Engagement und Einsatz für Kunst und Kultur in Belgien unvergessen“ seien. Wir verdanken dieser besonderen Dame aus Bayern den weltberühmten Musikwettbewerb Concours Reine Elisabeth/Koningin Elisabethwedstrijd.

Die Liebe zur höheren Kultur zeichnet auch die Bayern und die Belgier aus. Im August besuchte ich die malerische Gemeinde Sint-Martens-Latem in der Provinz Oost-Vlaanderen. Diese Gemeinde ist bekannt für die „Latemse school“, eine Gruppe von Malern im 20. Jahrhundert. Mit seinen Museen und Kunstgalerien erinnert Sint-Martens-Latem am schönen Fluss Leie an den bayerischen Künstlerort Murnau am Staffelsee. Und da könnte man noch an die vielen Museen mit Weltrang denken, die Bayern und Belgien zählen, wie die Pinakothek in München und das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, und KMSKA in Antwerpen und das Magritte-Museum in Brüssel.

Ook de Beieren en de Belgen worden gekenmerkt door hun liefde voor de hogere cultuur. In augustus bezocht ik de schilderachtige gemeente Sint-Martens-Latem in de provincie Oost-Vlaanderen. Deze gemeente staat bekend om de ‘Latemse school’, een groep schilders uit de 20e eeuw. Met zijn musea en kunstgalerijen doet Sint-Martens-Latem, gelegen aan de prachtige rivier de Leie, denken aan het Beierse kunstenaarsdorp Murnau aan de Staffelsee. En dan zou je nog kunnen denken aan de vele musea van wereldklasse die Beieren en België rijk zijn, zoals de Pinakothek in München en het Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg, en KMSKA in Antwerpen en het Magritte-museum in Brussel.

Umgeben von so viel Schönheit, sowohl landschaftlicher wie kultureller Art, genießen Bayern und Belgier das Leben auch kulinarisch mit guten Speisen und herrlichen Weinen. Auch die belgische Weinkultur hat sich in den letzten Jahren profiliert und harrt der weiteren Entdeckung. Die Bierkultur teilen sich Bayern und Belgier sowieso schon seit jeher.

Es nimmt kein Wunder, dass Bayern mit all seinen Vorzügen wie ein Magnet auf Touristen aus Belgien wirkt, wir nennen sie „meerwaardezoekers“, und obwohl es kein deutsches Äquivalent für diesen Begriff gibt, könnte man damit Leute bezeichnen, die nach einem tieferen Sinn suchen. Das reiche kulturelle Umfeld wird auch gefördert von einer gleichsam barock-katholischen Atmosphäre, die zu gleicher Zeit den Weltblick schärft und anderen Sichtweisen Raum zur Entfaltung bietet.

Kultur und Lebensfreude können nur gedeihen in einer wirtschaftsstarken Gesellschaft. Genauso wie Bayern sich von einem Agrarland in ein Technologieland verwandelt hat, hat sich Flandern seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu einem ökonomischen Musterland entwickelt, neben dem Industrieland Wallonien und der Verwaltungs- und Finanzmetropole Brüssel. Was Deutschland und Belgien auch kennzeichnet, ist die Existenz eigenständiger, auf regionale Basis organisierter Parteien, wie die CSU in Bayern und diejenigen in den belgischen Regionen. Regionalismus, wie von solchen Parteien großgeschrieben, schließt das Bekenntnis zum großen Ganzen des übergreifenden Staatsgebildes nicht aus, wie eingangs schon erwähnt. Gefahren sind jedoch spürbar. Sie drohen in der Gestalt von Deindustrialisierung und unkontrollierter Einwanderung in die Sozialsysteme. Deutschland und Belgien, Bayern und die belgischen Regionen müssen da Konzepte zu deren Bewältigung herausarbeiten. Sie können dabei ihre Resilienz fundieren in ihrer Kultur, Wirtschaftskraft und Technologieoffenheit, die aus einer Gesellschaft auch eine integrierende Gemeinschaft machen. Die Zukunftshoffnung, die so charakteristisch ist für Bayern, findet ihren Ausdruck auch in den Worten des Fußball-Idols Franz Beckenbauer. Der soll mal gesagt haben, und verzeihen Sie mir bitte meine Aussprache: „Schau ma moi, dann seng ma scho.“

Prof. Dr. Dirk Rochtus (KU Leuven/Campus Antwerpen)

Zum Festakt „40 Jahre Belgisch-Bayerische Gesellschaft (BBG)“

Brüssel, 19. September 2026